Wähle schon jetzt !

Wähle schon jetzt!

2011_05_10 078K5… ruft mir ein guter Bekannter von der anderen Straßenseite zu. Dann ist er plötzlich im nächsten Geschäft verschwunden.

Schon jetzt wählen? Wie meint er das? Verdattert stehe ich da. Um mich Verkehrslärm. Graben- kreuzung, halb neun vormittags.

Ich liebe die Gmundner Innen- stadt. Endlich springt die Ampel auf Grün. Knappe fünf Sekun- den habe ich Zeit hinüberzu- kommen zum Stadttheater. Jetzt rasch zum Geschäft. Nichts wie hinein. Ich will es wissen.

Drinnen mein Bekannter. Er zahlt gerade. Danach will er zum Ausgang. Aber da stehe ich. Ver- schmitzt-fragend sieht er mich an. „Schon jetzt wählen!“ stoße ich keuchend hervor. Spinnst du? Wir wählen doch erst im Herbst! Oder haben sie die Wahlen vorverlegt?Mein Bekannter macht es spannend: … Du kannst ab sofort jeden Tag, besser gesagt, jeden Wochentag, wählen. Wann immer du willst.

 

Was? Wie? Wo? hechle ich. Wo?

Na, in jedem Geschäft in Gmunden kannst du wählen. Du hast sogar die Wahlzettel bei dir. Bestimmt. Um alles in der Welt, was heißt das jetzt schon wieder? Was heißt Wahlzettel? – Jetzt bin ich schon echt genervt. Das merkt auch mein Bekannter. Mit einem gütigen, fast nachsichtigen Gesichtsausdruck bittet er mich, einmal genau in meine Geldbörse zu schauen.

Ich tue das, blättere verständ- nislos die Euro-Scheine durch: Da ruft er: Na siehst du! Da sind sie ja! Deine Wahlzettel!

Gerade als ich ihm an die Gurgel springen will, beginnt er zu dozieren: „Mit jedem dieser Geldscheine kannst du wählen. Du kannst wählen zwischen einer toten und einer lebendigen Innenstadt. Was für eine ist dir lieber?“

Ähhh – eine lebendige natürlich, stammle ich. Gut. Mit jedem deiner Wahlzettel, er zeigt auf meine Geldtasche, kannst du also eine lebendige City mit florierenden Geschäften wählen, und zwar, wenn du diese Scheine in den Innenstadtgeschäften abgibst.

Aha, ja! Ich habe verstanden: Jedes Mal wenn ich hier in der Innenstadt – und nicht etwa weit draußen – was kaufe, habe ich mich dafür entschieden, meine Stadt am Leben zu erhalten.

Nichts ist einfacher. Genial!

Ich schaue mich um. Dort drüben springt mir schon mein nächs- tes Ziel ins Auge! – Kurze Verab- schiedung, sein fragender Blick.

Ich muss jetzt schnell wählen gehen!, rufe ich ihm schon von der anderen Straßenseite zu. Und höre durch den Straßenlärm unverwech- selbares, schallendes, Lachen.

Dann ist es ruhig. Ich bin im Wahllokal.

Norbert Bors

 

%d Bloggern gefällt das:

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen